Der Einmarsch in die Ukraine verdeutlicht der Welt, was unter einem „hybriden Krieg“ zu verstehen ist. Der Begriff wurde von Frank Hoffman geprägt, um einen Krieg zu beschreiben, der an mehreren Fronten geführt wird: konventionelle Kriegsführung, irreguläre Methoden – wie beispielsweise Attentate – sowie Cyberangriffe. Während sich diese erschreckende Aggression entfaltet, werden die digitalen Aspekte der modernen Kriegsführung Auswirkungen auf viele Unternehmen weltweit haben.
Während in der gesamten Ukraine die Sirenen heulen, müssen auch Unternehmen Alarm hinsichtlich ihrer Cybersicherheitsmaßnahmen schlagen. Hier erfahren Sie, womit Unternehmen in diesem hybriden Krieg konfrontiert sind.
Eine bedrohliche Vergangenheit: „Seien Sie auf der Hut und rechnen Sie mit dem Schlimmsten“
Russland blickt auf eine lange Geschichte zurück, in der es Cyberangriffe als Taktik einsetzt, um Druck auszuüben und Stellvertreterkriege zu führen. Von Russland staatlich unterstützte Hackergruppen sind bekannt für massive Cyberangriffe auf westliche Organisationen. Einer der größten Angriffe der letzten Jahre war der Ransomware-Angriff der Hackergruppe REvil auf die US-amerikanische Colonial Pipeline im Jahr 2021.
Vor kurzem wurden 70 Websites der ukrainischen Regierung im Rahmen eines Cyberangriffs mit einer Warnmeldung auf dem Bildschirm verunstaltet, die lautete: „Fürchten Sie sich und rechnen Sie mit dem Schlimmsten“. Eine Analyse des Angriffs ergab Hinweise auf eine Beteiligung des russischen Geheimdienstes; Russland hat eine Beteiligung jedoch inzwischen bestritten.
Leugnung und Desinformation sind typische Kriegstaktiken, die Verwirrung stiften, um nach dem Prinzip „Teile und herrsche“ vorzugehen. Die Beweise häufen sich jedoch: 74 % der Gelder, die im Jahr 2021 durch Ransomware-Angriffe erpresst wurden, flossen an Hacker mit Verbindungen zu Russland. Im Nachhinein müssen wir uns fragen: Wurden diese Gelder dann als Kriegskasse beiseitegelegt?
Im Zuge der Invasion der Ukraine kam es zu weiteren Cyberangriffen auf die ukrainische Regierung. Eine Stellungnahme im Microsoft-Blog vom28. Februar liefert weitere Einblicke:
„Am 24. Februar hat das Microsoft Threat Intelligence Center (MSTIC) eine neue Welle offensiver und zerstörerischer Cyberangriffe entdeckt, die sich gegen die digitale Infrastruktur der Ukraine richteten.“In dem Blogbeitrag wird erwähnt, dass im Rahmen dieser Angriffe eine neue Malware-Variante namens „FoxBlade“ entdeckt wurde.
Eines ist mit hoher Wahrscheinlichkeit festzuhalten: Die Invasion der Ukraine ist ein hybrider Krieg, und Cyberangriffe werden sich nicht auf die Ukraine beschränken.
Warnsignale für weitere Cyberangriffe
Weltweit wurden Warnungen und Hinweise veröffentlicht, in denen Unternehmen darauf hingewiesen werden, mit einer erhöhten Gefahr von Cyberangriffen zu rechnen:
Im Vereinigten Königreich hat das National Cyber Security Centre (NCSC) auf seiner Website eine Empfehlung veröffentlicht, in der britische Unternehmen aufgefordert werden, ihre„Cybersicherheitsresilienz als Reaktion auf die böswilligen Cybervorfälle in der Ukraine und in deren Umgebung“ zu stärken.
In den USA hat die CISA (Cyber Security and Infrastructure Security Agency) im Rahmen ihrer Initiative „„Shields Up““-Kampagne eine Warnung vor einer neuen Ransomware-Gruppe namens „Conti“ veröffentlicht , die Verbindungen zum russischen Geheimdienst aufweist:
„Die Hintermänner der Conti-Ransomware drohen mit ‚Vergeltungsmaßnahmen‘ gegen kritische Infrastrukturen als Reaktion auf ‚einen Cyberangriff oder jegliche Kriegshandlungen gegen Russland‘.“
In Australien gilt für Cyberangriffe die Alarmstufe „HOCH“, und die Regierung erklärt, dass Unternehmen „dazu angehaltenwerden, unverzüglich verstärkte Maßnahmen zur Cybersicherheit zu ergreifen“.
Ebenso warnen Regierungen in ganz Europa Organisationen und Bürger, sich auf einen Cyberangriff vorzubereiten.
Eine der Befürchtungen hinsichtlich der Leichtigkeit, mit der diese Cyberangriffe durchgeführt werden können, besteht darin, dass von Russland unterstützte Cyberkriminelle über Jahre hinweg ihr Know-how im Bereich Malware ausgebaut und erfolgreiche Angriffstaktiken auskundschaftet haben.
Neue Malware, erfolgreiche Taktiken
Es wurden bereits mehrere neue Malware-Varianten identifiziert, die mit russischen Hackergruppen in Verbindung stehen. Diese scheinen auf Datenlöschung und/oder Ransomware zu basieren und sind äußerst schädlich. Beispiele hierfür sind die Malware-Varianten „HermeticWiper“ und „WhisperGate“, die Daten beschädigen und/oder vollständig löschen. Eine weitere Variante, HermeticRansom, nutzt Erpressungstechniken, um die schädlichen Auswirkungen der Malware noch zu verstärken.
Weitere Untersuchungen haben zudem ergeben, dass Malware-„Würmer“ zum Einsatz kommen. Würmer sind besonders gefährlich, da sie sich, sobald sie in ein System eingedrungen sind, selbst replizieren und über ein Netzwerk verbreiten, wodurch sie Rechner infizieren und im gesamten Netzwerk Schaden anrichten. Eine der jüngsten Entdeckungen ist „HermeticWizard“, ein Wurm, der zur Verbreitung der Malware „HermeticWiper“ genutzt wird.
Würmer dringen auf verschiedene Weise in ein Netzwerk ein, unter anderem über E-Mails, USB-Sticks, bösartige Links in Beiträgen in sozialen Medien, unsichere IoT-Geräte und so weiter.
Im Zuge des anhaltenden Konflikts werden voraussichtlich weitere Malware-Varianten in die Bedrohungslandschaft Einzug halten.
Die CISA und das FBI haben eine gemeinsame Warnmeldung veröffentlicht, in der die Gefahren einiger der neuesten Malware-Varianten erläutert werden. In der Warnmeldung werden Organisationen dringend aufgefordert, Folgendes zu tun:
„…ihre Wachsamkeit zu erhöhen und ihre Fähigkeiten in den Bereichen Planung, Vorbereitung, Erkennung und Reaktion auf ein solches Ereignis zu bewerten.“
Diese neuen Malware-Varianten werden sich weiterhin auf bewährte, erfolgreiche Taktiken wie Phishing und Social Engineering stützen, um in ein Netzwerk einzudringen. Wie kann sich ein Unternehmen also auf diesen hybriden Krieg vorbereiten?
Maßnahmen zum Schutz Ihres Unternehmens und Ihrer Mitarbeiter
Die Cyberkriminellen, die hinter dieser Flut von Cyberkriegs-Malware stehen, werden bewährte Methoden einsetzen, um Infektionen schnell und effektiv zu verbreiten. Unternehmen müssen das Fachwissen der Sicherheitsbranche nutzen, um sich bestmöglich zu wappnen. Zu den Maßnahmen zur Risikominderung sollten folgende gehören:
- Stellen Sie sicher, dass Sie einen Überblick über alle Ihre IT-Ressourcen haben, einschließlich aller Endgeräte, Datenspeicher und -flüsse, Server und anderer Geräte.
- Stellen Sie sicher, dass Ihr erweitertes Netzwerk über robuste Sicherheitsmaßnahmen verfügt, die Geräte, Personen und Standorte abdecken. Setzen Sie beispielsweise eine strenge Authentifizierung durch und wenden Sie das Prinzip der geringsten Berechtigungen an, das mithilfe des Privileged Access Management (PAM) zur Zugriffskontrolle durchgesetzt wird.
- Testen Sie Ihre Patch-Management-Systeme, um sicherzustellen, dass sie alle Endgeräte und Server erreichen.
- Richten Sie ein sicheres Backup-System ein oder testen Sie ein bereits vorhandenes.
- Versetzen Sie Ihr Unternehmen in erhöhte Alarmbereitschaft und untermauern Sie dies durch Schulungen zur Sensibilisierung für Sicherheitsrisiken, die sich speziell auf diese Bedrohung konzentrieren: Ergänzen Sie Ihre Schulungen durch eine kontinuierliche Lagebeurteilung und nutzen Sie Phishing-Simulationen, um Ihre Mitarbeiter über wahrscheinliche Phishing-Kampagnen im Zusammenhang mit dem Angriff aufzuklären.
- Überwachen Sie die Aktivität Ihres Netzwerks und Ihrer Zugangspunkte und überprüfen Sie den Zugriff auf die Ports auf mögliche Schwachstellen.
- Entfernen oder deaktivieren Sie alle nicht verwendeten Apps.
- Überprüfen, aktualisieren und optimieren Sie Ihre Planung und Strategie zur Notfallwiederherstellung
Dies sind einige der wichtigsten Bereiche, die in dieser Zeit erhöhter Bedrohung gestärkt werden müssen.
Seien Sie auf Vergeltungsangriffe vorbereitet
Nun wird zudem davor gewarnt, dass ein Cyberangriff auf einen NATO-Mitgliedstaat die Auslösung von Artikel 5, der kollektiven Verteidigungsklausel, zur Folge hätte. Der digitale Krieg und der konventionelle Krieg könnten im Zuge einer Eskalation durchaus miteinander verschmelzen. Vergeltungsangriffe sind sehr wahrscheinlich, und die beste Verteidigung besteht in Wachsamkeit und Vorsorge.